Vortragsreihe „DON’T THINK POSITIVE 2 – Jenseits des Positivismus in der Musikwissenschaft“ (WiSe ’17/’18)

Plakat

„Schwer könnte die Wissenschaft etwas Kunstfremderes sich ausdenken als jene Experimente, in denen man ästhetische Wirkung und ästhetisches Erlebnis am Pulsschlag zu messen sich einbildete.“ (Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie)

Die Vortragsreihe „DON’T THINK POSITIVE 2 – Jenseits des Positivismus in der Musikwissenschaft“ setzt die im vorigen Semester in der Vortragsreihe „DON’T THINK POSITIVE – Zur Kritik des Positivismus in der Musikwissenschaft“ entwickelte Kritik an zeitgenössischen, positivistische Strömungen in der Musikwissenschaft fort. Einerseits laufen naturwissenschaftliche, psychologische, soziologische oder historische Ansätze Gefahr, die Autonomie der Kunst zu missachten und so unästhetisch, positivistisch zu werden; andererseits ignorieren Ansätze des „L’art pour l’art“ die gesellschaftliche Bedingtheit und Relevanz der Musik.

In der Fortsetzung der Vortragsreihe geht es weiterhin um die Kritik an positivistischen Strömungen in der Musikwissenschaft und darüber hinaus darum, im Sinne der Kritischen Theorie, Modelle nicht-positivistischer Musikwissenschaft vorzustellen und zu diskutieren. Dazu werden sowohl Fragen der Musikästhetik als auch der Musiksoziologie verhandelt.

Da wir ähnliche positivistische Entwicklung auch in den benachbarten Geistes- und Sozialwissenschaften beobachten, hoffen wir, durch unsere Auseinandersetzung zu Erkenntnissen zu gelangen, die auch auf andere Fächer ausstrahlen.

Termine:

Alle Vorträge finden statt im Fachschaftscafé der Kunstpädagogik, Raum 306, Sophienstraße 1-3 (alte Keksfabrik hinter der Universitätsbiliothek).

14.12., 19 Uhr – Elisabeth Treydte:
„Popsternchen“ und „Tonschöpfer“
Zur geschlechtsspezifischen Praxeologie in der Musik der Gegenwart

21.12, 16 Uhr (!) – Ferdinand Zehentreiter:
Wissenschaft als Bluff
Warum die ‘empirische Ästhetik‘ keine empirische Fundierung der Ästhetik liefern kann

11.1., 19 Uhr – Gabriele Geml:
„In Widerspruch zu allem an Musik Gewohnten sind seine Symphonien nicht einfach positiv da“
Zu Adornos Mahler-Interpretation

18.1., 19 Uhr – Nikolaus Urbanek:
Herausforderungen der Musikästhetik

Fällt aus!
31.1., 19 Uhr – Elvira Seiwert:
Wie sich die Bilder gleichen – „in diesem Tal der Tränen“
Oder: über die Notwendigkeit, das Bild der Komposition dialektisch zu reproduzieren

7.2., 19 Uhr – Gerhard Scheit:
Eigenlogik musikalischer Werke und Transzendenz im Ausdruckslosen
Über Adornos Philosophie der neuen Musik

Vortragsankündigungen/Abstracts/Biographien:

14.12., 19 Uhr – Elisabeth Treydte

„Popsternchen“ und „Tonschöpfer“
Zur geschlechtsspezifischen Praxeologie in der Musik der Gegenwart

Der Vortrag wagt einen kritischen Blick auf die Geschlechterverhältnisse zeitgenössischer Musik: Vor dem Hintergrund der Entwicklungen der historischen musikwissenschaftlichen Genderforschung der letzten Jahre soll ein Panorama entworfen werden, das den Fokus auf die Künstler*innen der Gegenwart legt. Journalistische Artikel, Interviews und (teilnehmende) Beobachtung von Probenprozessen bilden dabei die analytische Basis. Aus den Einzelaspekten setzt sich ein Mosaik aus geschlechterspezifischen Fremd- und Selbstzuschreibungen sowie Praktiken zusammen, das im künstlerischen Alltag permanent reproduziert wird.

Elisabeth Treydte, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg mit Forschungsschwerpunkt musikwissenschaftliche Geschlechterforschung; sie ist Vorstandsmitglied im Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik e.V.

21.12, 16 Uhr (!) – Ferdinand Zehentreiter 

Wissenschaft als Bluff
Warum die ‘empirische Ästhetik‘ keine empirische Fundierung der Ästhetik liefern kann

Manuskript

Studium Klavier in München, von Soziologie, Philosophie und Musikwissenschaft in Frankfurt/Main, Privatdozent am FB Gesellschaftwissenschaften der J.W.Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Lehrbeauftragter für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik, Frankfurt am Main, zahlreiche Publikationen zu ästhetischen, kultursoziologischen und musikwissenschaftlichen Fragen, ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift „Musik und Ästhetik“, Buchpublikationen als Herausgeber: Komponisten im Exil (Berlin 2008), Materialität des Geistes – zur Sache Kultur (Weilerswist 2001), Bücher: Musikästhetik. Ein Konstruktionsprozess (Hofheim i.T. 2017), Ästhetische Praxis. Zu einer Musiksoziologie nach Adorno (Frankfurt am Main 2017), in Arbeit: Ästhetik der neuen Musik (Hofheim i.T. 2018).

11.1., 19 Uhr – Gabriele Geml

„In Widerspruch zu allem an Musik Gewohnten sind seine Symphonien nicht einfach positiv da“
Zu Adornos Mahler-Interpretation

Ausgehend von Adornos einflussreicher Mahler-Deutung, die um den Weltgehalt von dessen Musik kreist, reflektiert der Vortrag das Verhältnis von Musikwissenschaft und Musikphilosophie, wie es sich in Adornos Texten zur Musik darstellt, die er absichtsvoll doppeldeutig als ›musikalische Schriften‹ begriff. Hierbei werden zentrale Elemente seiner Ästhetik ebenso in den Blick geraten wie aktuelle und anhaltende akademische Tendenzen, die die institutionelle Obdachlosigkeit eben solcher Zugänge zur Kunst heraufbeschwören, denen, wie im Falle der Texte Adornos, ein Moment der Intentionslosigkeit im Kern zu eigen ist.

Gabriele Geml ist wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Violetta L. Waibel am Institut für Philosophie der Universität Wien. Gemeinsam mit der Pianistin Han-Gyeol Lie leitet sie den Verein für Ästhetik und angewandte Kulturtheorie (.akut) und organisiert Symposien und Konzertreihen. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien und promovierte zum Thema »Elemente einer Kritischen Theorie der Zeit im Werk Theodor W. Adornos«. Sie war Stipendiatin des Graduiertenkollegs »Zeiterfahrung und ästhetische Wahrnehmung« an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und arbeitete am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Goethe-Universität als Lehrbeauftragte und Universitätsassistentin (bei Prof. Dr. Werner Hamacher). In Wien war sie Junior Fellow am IFK – Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften und Universitätsassistentin am Institut für Philosophie (bei Prof. Dr. Violetta L. Waibel). Im Anschluss war sie Fellow in Residence des Kollegs Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar und Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie und am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien. Sie macht eine Psychotherapieausbildung und absolvierte in diesem Zusammenhang Praktika an einer Reihe von psychiatrischen Einrichtungen. Zu ihren letzten Veröffentlichungen gehört: ›Durchaus rhapsodisch‹. Theodor Wiesengrund Adorno: Das kompositorische Werk, Stuttgart: Metzler 2017 (Hg. gemeinsam mit Han-Gyeol Lie).

18.1., 19 Uhr – Nikolaus Urbanek

Herausforderungen der Musikästhetik

Die titelgebende Formulierung ‚Herausforderungen der Musikästhetik‘ ist offensichtlich doppeldeutig. Anhand einiger Beispiele wird es mir zunächst darum gehen danach zu fragen, welchen ‚artistisch-ästhetischen‘ und ‚epistemologisch-theoretischen‘ Herausforderungen eine zeitgemäße Musikästhetik heute sich zu stellen hat. In einem zweiten Schritt möchte ich dann umreißen, in welchen Hinsichten sich das musikästhetische Denken heute als Herausforderung für die Musikwissenschaft als einer akademisch etablierten Kulturwissenschaft erweisen könnte. Dass die beiden hiermit eröffneten Themenfelder letztlich zusammenzudenken wären, ist die zentrale These, die zu erhärten ich mir mit dem Vortrag letztendlich vorgenommen habe.

Nikolaus Urbanek: Professor für Musikwissenschaft. Leiter des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Leiter des Wissenschaftszentrums ‚Arnold Schönberg und die Wiener Schule‘. Studium der Fächer Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Wien, 2008 Promotion mit einer musikphilosophischen Arbeit über Adornos Beethoven-Fragmente. 2003–2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kritischen Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs, 2009–2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Anton Webern-Gesamtausgabe; 2010–2015 Universitätsassistent am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien.
Derzeitige Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Musikästhetik und Musikphilosophie; Musikgeschichte des 18., 19. und 20. Jahrhunderts; Grundlagen der Musikgeschichtsschreibung; Theorie der musikalischen Schrift. Zahlreiche Vorträge und Aufsätze, Buchpublikationen in Auswahl: Spiegel des Neuen. Musikästhetische Untersuchungen zum Werk Friedrich Cerhas, Bern 2005; webern_21, Wien 2009 (hg. gem. mit Dominik Schweiger); Auf der Suche nach einer zeitgemäßen Musikästhetik. Adornos „Philosophie der Musik“ und die Beethoven-Fragmente, Bielefeld 2010; Historische Musikwissenschaft. Grundlagen und Perspektiven, Stuttgart 2013 (hg. gem. mit Michele Calella); Musikhistoriographie(n), Wien 2015 (hg. gem. mit Michele Calella).

Fällt aus!
31.1., 19 Uhr – Elvira Seiwert

Wie sich die Bilder gleichen – „in diesem Tal der Tränen“
Oder: über die Notwendigkeit, das Bild der Komposition dialektisch zu reproduzieren

Und wie wäre ein Ausweg, der wirklich einer wäre, aus diesem Tal zu denken?
Nach der ’negativen Metaphysik‘ Adornos, die Hermann Schweppenhäuser einmal unter eben der Überschrift „in hac lacrimarum valle“ reflektierte, scheint Rettung möglich allein im Moment des Zerfalls jenes allmächtigen Identitätsprinzips, das die Welt im Innersten zusammenhält, und dabei stets aufs Neue das immer Gleiche reproduziert.
Und die Musik, die dazu spielt? Gehorcht der gleichen Konfirmation und Konfektion, bedient nach den Regeln des Musikbetriebs, speist ab mit Markennamen etwa, die für die Sache stehen, die selbst nicht mehr vorkommt. Von daher Adornos kategorische Forderung: „Gegen Furtwängler und Walter – und gegen Toscanini! Und Karajan.“
Statt dessen? Plädoyer für eine Reproduktion von Musik, die, als Sabotage, dem „Zerfall“ der immergleichen Bilder und Cliches Vorschub leistete und, gemäß einer zentralen Forderung von Adornos Reproduktionstheorie, „Kopien“ lieferte eines – paradox – „nicht vorhandenen“, durch Reproduktion erst zu konstruierenden „Originals“, wie es sich durch musikwissenschaftliche Prozeduren alleine nicht gewinnen läßt.

Elvira Seiwert, Jahrgang 1957. Studium der Musik, Philosophie, Germanistik insbesondere in Kassel, wo seinerzeit der Ausbruch aus universitärer Hermetik proklamiert und Interdisziplinarität (mit Ulrich Sonnemann) visioniert wurde. Nach dem Untergang der Vision: Hörfunkarbeit, öffentlich-rechtlich, querbeet. Aktualisierung zumal der Rundfunkarchiv-Bestände als Unruhe-Depots verklungener Musikgeschichte. Promotion und Habilitation zu Thomas Mann, Adorno, Beethoven und einer Archäologie der Musikreproduktion. Jüngste Veröffentlichungen zum Thema: Enthüllungen. Zur musikalischen Interpretation im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit, Springe 2017; Quasi una phantasmagoria oder Die verschwiegene Musik, in „Zeitschrift für kritische Theorie“, 2017.

7.2., 19 Uhr – Gerhard Scheit

Eigenlogik musikalischer Werke und Transzendenz im Ausdruckslosen
Über Adornos Philosophie der neuen Musik

Die „Verwandlung der ausdruckstragenden Elemente von Musik in Material“ sei in der neuen Musik „so radikal“ geworden, dass die Möglichkeit von Ausdruck selber in Frage gestellt werde, heißt es bei Adorno. Es bleibe der avancierten Musik nichts übrig, „als auf ihrer Verhärtung zu bestehen, ohne Konzession an jenes Menschliche, das sie, wo es noch lockend sein Wesen treibt, als Maske der Unmenschlichkeit durchschaut. Ihre Wahrheit scheint eher darin aufgehoben, daß sie durch organisierte Sinnleere den Sinn der organisierten Gesellschaft, von der sie nichts wissen will, dementiert, als daß sie von sich aus positiven Sinnes mächtig wäre.“ Adornos Philosophie der neuen Musik übernimmt darin die Begründung – oder nimmt sie vorweg –, mit welcher in der Dialektik der Aufklärung die jüdische Religion von der christlichen wie von Mythos und magischer Praxis abgehoben wird: „Die jüdische Religion duldet kein Wort, das der Verzweiflung alles Sterblichen Trost gewährte. Hoffnung knüpft sie einzig ans Verbot, das Falsche als Gott anzurufen, das Endliche als das Unendliche, die Lüge als Wahrheit.“ Das Unterpfand der Rettung liege in der Abwendung von falscher Versöhnung. Nur im Ästhetischen kann das Ausdruckslose selbst dieses Unterpfand sein, aber erst, wenn es mit der Kreatur, die doch des Ausdrucks bedarf, mit dem „quälbaren Leib“, konfrontiert wird. Hier verweist Adornos Philosophie der neuen Musik zurück auf das Trauerspielbuch Benjamins und dessen Essay über Goethes Wahlverwandtschaften.

Gerhard Scheit, Dr. phil., lebt als freier Autor und Essayist in Wien. Arbeiten zur Kritischen Theorie, über Antisemitismus und Staatstheorie sowie zur modernen Literatur und Musik; Mitherausgeber der Jean Améry Werkausgabe (2002-2008) und der Zeitschrift sans phrase (ab 2012). Bücher: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus (1999, 2003); Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt (2004); Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (2006); Der Wahn vom Weltsouverän (2009); Treffpunkt der Moderne. Gustav Mahler, Theodor W. Adorno, Wiener Traditionen (2010) (Koautor: W. Svoboda); Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno (2011); Kritik des politischen Engagements (2016); Im Ameisenstaat: Von Wagners Erlösung zu Badious Ereignis. Ein Essay über Philosophie, Musik und Antisemitismus (2017).